Warum drücken sich Philosophen so kompliziert aus?

Ines Maria Eckermann
Autorin | Illustratorin | Creative-Coach

Was stimmt nicht mit den Philosophen?

Das Problem mit der Philosophie

Wer einmal ein Buch von Kant, Hegel oder Adorno aufgeschlagen hat, hat es entweder entsetz wieder ins Regal gelegt – oder war fasziniert. Dazwischen scheint es relativ wenig zu geben. Nicht-Philosoph:innen sind allerdings meist weniger von den Inhalten selbst irritiert, als vielmehr von der Art und Weise, wie diese präsentiert werden. 

Philosophische Texte gelten als die Königsdisziplin für Freund:innen des gepflegten Schachtelsatzes. Oft bleiben die Aussagen der großen Philosophen der Mehrheit verborgen – weil sich ihre Inhalte hinter komplizierten Sprachkonstruktionen verstecken. Man könnte meinen, dass die Philosoph:innen gar nicht von der breiten Masse verstanden werden wollen.

Kein Wunder, dass viele Medien frohlocken, wenn sich Menschen als Philosoph:innen ausgeben und das aktuelle Geschehen in einfachen Worten fassen. Und schon sind wir mitten im Konflikt: Verrät sich die Philosophie selbst, wenn sie Komplexität reduziert, statt sie in langen Sätzen zu strukturieren? Dürfen Fachbücher und Theorien allgemein verständlich sein?

Kant und Sprache: Inflation der Worte


Die Kritik der reinen Vernunft gilt als einer der kompliziertesten philosophischen Texte, die je geschrieben wurden. Seit der Veröffentlichung 1781 wühlen sich Generationen von Philosophie-Studierenden durch den Text. Doch das Problem mit Kant liegt nicht an dem, was er sagt – sondern wie er es sagt.

Im Studium habe ich Kant meist auf Spanisch oder Englisch gelesen. Nicht, weil ich so wahnsinnig schlau bin – sondern, weil die Texte durch die Mühen der Übersetzer:innen sehr viel verständlicher wurden. Oft waren die Sätze in den Übersetzungen kürzer und in mehrere Sätze unterteilt. Gelegentlich gab es sogar Anmerkungen der Übersetzenden am Rand, die mir halfen, mich bis zum Kern vorzufräsen.

Doch bald wurde mir klar: Das inhaltliche Gewicht steigt nicht zwingend mit der Menge an verwendeten Buchstaben. Philosophie ist nicht Scrabble: Du bist nicht der Beste, nur weil du die meisten Wörter ins Spiel bringst.

„Wenn man etwas nicht einfach erklären kann, hat man es nicht verstanden.“


– Albert Einstein –

Esoterik: Wie Einstein die Philosophie tadelt

Dem Physiker Albert Einstein war klar: Manchmal verstecken wir uns hinter allzu komplizierten Sätzen. Er selbst zerlegte mit seinen komplizierten Gedanken das uns bis dahin bekannte Universum und setzte es neu zusammen. Dabei schaffte er es, seine komplexen Argumente mit einer klaren Sprache einzufangen.

Einstein hatte kein Interesse an Esoterik. Denn Esoterik hat eigentlich nichts mit Kraftsteinen und Räucherstäbchen zu tun: Ursprünglich bedeutete Esoterik (ἐσωτερικός) zum inneren Bereich zugehörig. Damit waren philosophische Lehren gemeint, die nur einem begrenzten, inneren Personenkreis zugänglich waren. Einen solchen esoterischen Kreis erschuft die Philosophie in den letzten Jahrtausenden allein durch die Kraft der Sprache: ein Elfenbeinturm aus Worten.

Und viele Philosophen gefielen sich in der Rolle des Intellektuellen, der so vergeistigt war, dass Normalbürger:innen ihn gar nicht verstehen konnten. Noch heute scheint sich manch großer Geist davor zu fürchten, in allzu kurze Sätze gepfercht zu werden. Und so etablierte sich an den Hochschulen über die Jahrhunderte eine sprachliche Elite, die sich nicht mit einfachen Satzkonstruktionen begnügt. Sie gieren nach Nebensätzen, um ihrem Kerngedanken noch mehr Präzision anzuhängen.

Doch hier liegt eines der grundlegenden Missverständnisse philosophischer Ausarbeitungen: Präzision und lange Sätze sind nicht dasselbe. Denn: Wenn ein Text schwer zu verstehen ist, liegt das selten am Inhalt.

„Lieber Freund, entschuldige meinen langen Brief, für einen kurzen hatte ich keine Zeit.“
– Johann Wolfgang von Goethe –

Die Demokratisierung des Wissens

Schon das Sprachgenie Goethe wusste: Es ist viel schwieriger einen kurzen Text zu schreiben als einen langen. Die richtigen Worte zu wählen, sie abzuwägen und exakt auf den Punkt zu kommen, ist eine große Kunst.

 

Damit ist nicht gemeint, dass nur einfache Worte zulässig sind: Fachtexte dürfen und müssen inhaltlich in die Tiefe gehen. Sie dürfen Fachbegriffe enthalten, die den Leser:innen neu sind. Aber sie dürfen diese Worte auch erklären. Denn schon Einstein wusste: “Klug ist jener, der Schweres einfach sagt.” Wir sollten uns nicht geistig überlegen fühlen, nur weil unsere Großmutter oder der Klempner unsere Sätze nicht verstehen.

 

Philosophie darf künftig gerne demokratischer werden. Das bedeutet nicht gleich, dass jeder Stammtischtrinker sich nach dem dritten Bier berechtigterweise für einen Philosophen hält. Es soll heißen, dass Philosoph:innen die Fragen des Lebens diskutieren dürfen, ohne sich in ihren Sätzen bis zur Unverständlichkeit zu verstricken. Philosophie sollte zu einem für alle verständlichen Gut werden. Schließlich ist es die Philosophie, die die wichtigen Fragen des Lebens bearbeitet: das Wie und das Warum. Und diese Fragen betreffen uns alle – nicht nur Menschen mit einem Doktor in Philosophie.

 

In diesem Punkt darf sich die Philosophie gründlich überdenken. Oder waren Albert Einstein oder Stephen Hawking etwa weniger kluge Wissenschaftler, nur weil die breite Masse ihre populärwissenschaftlichen Bücher verstehen konnte?

Esoterik: Wie Einstein die Philosophie tadelt

Denken

  • Fühl dich nicht überlegen.
  • Jeder Geist ist begrenzt – auch deiner.
  • Höre nie auf, alles zu hinterfragen.
  • Denke mehr über deine Aussage als über deine Wirkung nach.

Schreiben

  • Fasse dich kurz.
  • Bring die Aussage auf den Punkt.
  • Erkläre neue Begriffe und halte Erklärungen möglichst einfach.
  • Vermeide Wiederholungen.

Und was ist mit dem Precht los?

Immer wieder fällt der promovierte Germanist Richard David Precht in den Medien auf. Die Faszination die von seiner Person ausgeht, basiert vor allem darauf, dass er im Namen der Philosophie und mit großer Selbstsicherheit komplexe Sachverhalte vereinfacht darstellt. Zum einen nimmt er damit eine der Grundaufgaben der Philosophie wahr, nämlich Wissen an alle zu vermitteln. Zum anderen stellt er Meinungen oft als Fakten dar und scheint darüber hinaus zu vergessen, die Argumente zu strukturieren und abzuwägen. 

Esoterik: Wie Einstein die Philosophie tadelt

Dem Physiker Albert Einstein war klar: Manchmal verstecken wir uns hinter allzu komplizierten Sätzen. Er selbst zerlegte mit seinen komplizierten Gedanken das uns bis dahin bekannte Universum und setzte es neu zusammen. Dabei schaffte er es, seine komplexen Argumente mit einer klaren Sprache einzufangen.

Einstein hatte kein Interesse an Esoterik. Denn Esoterik hat eigentlich nichts mit Kraftsteinen und Räucherstäbchen zu tun: Ursprünglich bedeutete Esoterik (ἐσωτερικός) zum inneren Bereich zugehörig. Damit waren philosophische Lehren gemeint, die nur einem begrenzten, inneren Personenkreis zugänglich waren. Einen solchen esoterischen Kreis erschuft die Philosophie in den letzten Jahrtausenden allein durch die Kraft der Sprache: ein Elfenbeinturm aus Worten.

Und viele Philosophen gefielen sich in der Rolle des Intellektuellen, der so vergeistigt war, dass Normalbürger:innen ihn gar nicht verstehen konnten. Noch heute scheint sich manch großer Geist davor zu fürchten, in allzu kurze Sätze gepfercht zu werden. Und so etablierte sich an den Hochschulen über die Jahrhunderte eine sprachliche Elite, die sich nicht mit einfachen Satzkonstruktionen begnügt. Sie gieren nach Nebensätzen, um ihrem Kerngedanken noch mehr Präzision anzuhängen.

Doch hier liegt eines der grundlegenden Missverständnisse philosophischer Ausarbeitungen: Präzision und lange Sätze sind nicht dasselbe. Denn: Wenn ein Text schwer zu verstehen ist, liegt das selten am Inhalt.

Hör nie auf, zu fragen

Es gibt Menschen, die nicht nach dem Weg fragen, auch wenn sie sich völlig verfahren haben. Philosoph:innen dagegen wissen, dass sie Suchende sind – und fragen immer nach. Neugier und Fragen sind die Basis für einen guten philosophischen Text. Auch unseren Texten dürfen wir Fragen stellen: Versteht man diesen Satz? Ist diese Wiederholung wirklich nötig? Und haben wir vielleicht doch noch eine Frage offen gelassen? Und vor allem: Hab keine Angst davor, verstanden zu werden.
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